Hantavirus und Co: ÖGD-Wissenschaftspreis zum Management infektiologischer Gefahrenlagen in deutschen Häfen
Hantavirus und Co: ÖGD-Wissenschaftspreis zum Management infektiologischer Gefahrenlagen in deutschen Häfen
Die Deutsche Gesellschaft für Öffentliches Gesundheitswesen (DGÖG) hat in diesem Frühjahr erstmals den ÖGD-Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler verliehen: Der Preis ging an Marie Frese von der Arbeitsgruppe Public Health am Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, für ihre Arbeit „Gesunde Häfen, gemeinsam stark: Die Entwicklung von standardisierten Prozessen bei infektiologischen Gefahrenlagen an deutschen Häfen – ein Verbundprojekt aus ÖGD und Wissenschaft“.
„Die eingereichte Arbeit ist für den ÖGD-Wissenschaftspreis geeignet, da sie eine wissenschaftlich fundierte und zugleich praxisrelevante Antwort auf die komplexen Herausforderungen der maritimen Gesundheitssicherheit liefert“ sagte die Präsidentin der DGÖG, Dr. Susanne Pruskil.
Hintergrund des Projekts ist die besondere Rolle ausgewählter deutscher Häfen bei der Umsetzung der Internationalen Gesundheitsvorschriften der Weltgesundheitsorganisation WHO. Fünf Standorte – Bremen/Bremerhaven, Hamburg, Rostock, Kiel und Wilhelmshaven – müssen danach definierte Kernkapazitäten vorhalten, um auf Infektionsereignisse im maritimen Kontext reagieren zu können. Eine WHO-Evaluation hatte jedoch bereits 2019 Defizite aufgezeigt, unter anderem bei Quarantänekapazitäten sowie bei Aus- und Fortbildung. Gleichzeitig erschweren föderale Strukturen und unterschiedliche Auflagen zwischen Häfen ein gemeinschaftliches und einheitliches Vorgehen, insbesondere wenn Schiffe mehrere Häfen anlaufen.
Das Projekt adressiert diese Herausforderungen mit einem strukturierten Ansatz. In einer Bedarfsanalyse wurden Interviews mit 35 relevanten Akteuren geführt, darunter Gesundheitsbehörden (Hafenärztliche Dienste), Hafenbehörden, Terminalbetreiber und Rettungsdienste. Ergänzend erfolgten Dokumentenanalysen, Workshops und ein Planspiel zur praktischen Erprobung. Ziel war die Entwicklung übergreifender Strukturen und abgestimmter Abläufe für den Infektionsschutz im maritimen Sektor.
Zentrales Ergebnis ist ein Prozess, der den Umgang mit Infektionsgeschehen in drei Schritte gliedert: Zunächst wird geprüft, ob ein begründeter Verdacht vorliegt, anschließend erfolgt die Verifizierung eines tatsächlichen Geschehens, gefolgt von der Bewertung einer möglichen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit. Parallel dazu laufen notfallmedizinische und gesundheitsbehördliche Prozesse. Der Prozess umfasst unter anderem Risikobewertung, Entscheidungsfindung, Kommunikationswege und behördliche Maßnahmen.
Laut Frese reichen die möglichen Szenarien von Norovirus-Ausbrüchen über Influenza- und Hantavirus-Infektionen bis hin zu seltenen, aber besonders kritischen Ereignissen wie hochpathogenen Erkrankungen. Auch arbeitsmedizinische Fragestellungen spielen eine Rolle, etwa bei Maserninfektionen von Crewmitgliedern. Entscheidend sei stets eine schnelle Lageerfassung und -bewertung: „Wo liegt die mutmaßliche Infektionsquelle? Welche Ressourcen stehen an Bord zur Verfügung?“ Während Kreuzfahrtschiffe beispielsweise meist über ein Bordhospital verfügen, fehlt auf Containerschiffen häufig medizinisches Personal.
Neben dem Prozessmodell wurden konkrete Arbeitshilfen entwickelt. Dazu zählen ein Handbuch mit standardisierten Abläufen, Dokumentationsvorlagen sowie Empfehlungen für Maßnahmen wie Kontaktnachverfolgung oder den Einsatz von Schutzausrüstung. Ergänzt wird das Konzept durch ein E-Learning-Angebot und Präsenzschulungen mit Planspielen, um den Wissenstransfer nachhaltig zu sichern
Ein zentrales Ziel des Projekts ist es, die entwickelten Strukturen auch für kleinere Häfen nutzbar zu machen, etwa bei Ausbrüchen in der Binnenschifffahrt.
Laut Frese ist dieses Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie Wissenschaft und Öffentlicher Gesundheitsdienst sinnvoll miteinander verzahnt werden können. Durch einen Arbeitsplatz beim Verbundpartner Hamburg Port Health Center erhielt sie unmittelbare Einblicke in den Arbeitsalltag der Gesundheitsbehörde – eine Erfahrung, die ihre Forschung bereichert und eine enge Zusammenarbeit gefördert hat.
Der ÖGD-Wissenschaftspreis für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler wurde 2026 erstmals verliehen. Die Fachgesellschaft würdigt damit innovative und qualitativ hochwertige wissenschaftliche Arbeiten, die einen konkreten Beitrag zur Weiterentwicklung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes leisten. Der Preis wird ab sofort jährlich im Rahmen des gemeinsamen Jahreskongresses des Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) und der DGÖG verliehen.