Öffentlicher Gesundheitsdienst: KV Thüringen warnt vor Versorgungsdefiziten
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Thüringen hat Land und Kommunen aufgefordert, den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) zu stärken.
Die KV warnte, vielerorts seien Gesundheitsämter nur noch eine „formale Hülle mit wenigen Verwaltungsmitarbeitern“. Land und Kommunen suchten mittlerweile für einzelne Aufgaben des ÖGD sogar nach Vertretungsärzten. „Wenn wir auf Dauer die ärztlichen Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes miterledigen müssen, geht das am Ende zulasten unserer eigentlichen Aufgabe, der Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten in Thüringen“, warnte die erste Vorsitzende der KV Thüringen, Dr. med. Annette Rommel. Sie appellierte an Land und Kommunen, den ÖGD „personell, finanziell und materiell so auszustatten, dass er seine Aufgaben wieder selbst erledigen kann.“
Erst Anfang des Jahres hatte die Landesregierung in Thüringen angekündigt, den Kommunen bei der Besetzung offener Amtsarztstellen und der Qualifizierung von Ärzten zu helfen. Die Bezahlung von Amtsärzten sei aber letztlich eine Sache von Tarifverhandlungen. Bereits 2014 auf dem Deutschen Ärztetag war vor einem Ausbluten des ÖGD gewarnt worden.
Quelle: hit/ Deutsches Ärzteblatt – Dtsch Arztebl 2017; 114(15) (14.04.2017)
100 Tage neuer Senat in Berlin – Gesundheitssenatorin Kolat
1. Gesundheit und Gleichstellung
Ganz formal betrachtet hat Dilek Kolat (SPD) – und zwar tatsächlich in 100 Tagen – vier der fünf ersten Ankündigungen der Koalition umgesetzt. Es gibt, wenn auch zaghaft, bessere Informationen für Pflegebedürftige; das wurde nach der Reform der Pflegestufen nötig. Dann hat Kolat, zweitens, im Bund noch mal Druck für die Bürgerversicherung gemacht. Dazu gibt es die angekündigte Kampagne für das neue Sexualstrafrecht und, viertens, kostenloses W-Lan in den Kliniken.
Bald will sich Kolat, das wäre fünftens, dem Berliner Kammergesetz widmen, das die Rechte und Pflichten von Ärzten und Apothekern regelt.
Die bedeutendste Baustelle aber sind die überlasteten Gesundheitsämter in den Bezirken.
Und dort muss einiges passieren: Zehn Prozent der 1580 Stellen sind unbesetzt – und eigentlich müsste es sowieso viel mehr Stellen geben. Denn die Stadt wächst, weshalb selbst 1580 Mitarbeiter nicht ausreichen. Es fehlen Ärzte, Dolmetscher und Therapeuten, die sich um Obdachlose, Schulkinder und Asylbewerber kümmern. Es geht um Impfungen, Schuluntersuchungen und Suchthilfen – letztlich also um das medizinische Grundgerüst der Stadt.
Quelle: Tagesspiegel
Berlin: Mehr als 40 Stellen unbesetzt
Gesundheitsämtern gehen die Ärzte aus
Berlin
Erste Frage: Was haben der Impfschutz von Kita- und Grundschulkindern und die Zwangseinweisung von psychisch Kranken mit der Trinkwasserverordnung zu tun? Alle fallen in die Zuständigkeit der zwölf Berliner Gesundheitsämter. Nächste Frage: Was haben die Gesundheitsämter mit den Jugendämtern, den Bauämtern und den Bürgerämtern zu tun? Sie alle leiden unter Personalmangel und stehen oder standen am Rand zur Handlungsunfähigkeit. Bei den Gesundheitsämtern mangelt es vor allem an Ärzten. 43 von 315 Planstellen sind nach Auskunft der Gesundheitsverwaltung derzeit nicht besetzt.
Viel weniger Geld als KlinikärzteSchon jetzt führt dieser Mangel beispielsweise dazu, dass Eltern monatelang auf Sprechstundentermine beim Jugendpsychiatrischen Dienst warten müssen. Auch gesetzlichen Aufgaben wie der Überprüfung der Hygiene in den Krankenhäusern der Stadt können die Ämter teilweise nicht mehr im vorgesehenen Umfang nachkommen. Und die Lage wird sich absehbar weiter verschärfen. „Auf einige Ausschreibungen unseres Gesundheitsamts hat sich kein einziger Bewerber gemeldet“, sagte der Bürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), der Berliner Zeitung.
„Die Lage hat sich verschärft“, bestätigt auch Gudrun Widders, Vize-Landesvorsitzende des Verbands der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Sie ist Amtsärztin in Spandau, wo der Personalmangel besonders gravierend ist. Sieben Arztstellen waren Anfang des Jahres unbesetzt.
Über die wesentliche Ursache sind sich Widders, Igel und auch die Senatsgesundheitsverwaltung einig: Die Bezahlung der Mediziner ist nicht konkurrenzfähig. „Ein Facharzt verdient im Berliner Gesundheitsdienst 4213 bis 5921 Euro“, rechnet Widders vor. Damit entspricht das Gehalt, das Ärzte im Gesundheitsdienst am Ende ihrer Laufbahn erhalten, den Einstiegslöhnen in Universitätskliniken: 5817 Euro sieht der Tarifvertrag vor, den der Marburger Bund mit den Arbeitgebern abgeschlossen hat.
Bei den anstehenden Haushaltsverhandlungen will die Gesundheitsverwaltung darum Verbesserungen erreichen. „Wir würden am liebsten den Tarifvertrag für Ärzte auch im öffentlichen Gesundheitsdienst anwenden“, sagt der Sprecher von Senatorin Dilek Kolat (SPD), Christoph Lang. Die Hansestadt Hamburg geht bereits einen ähnlichen Weg.
In der Finanzverwaltung gibt es jedoch Vorbehalte. Senator Kollatz-Ahnen (SPD) möchte offensichtlich keinen Präzedenzfall schaffen. Schließlich fehlen im öffentlichen Dienst nicht nur Ärzte, sondern auch viele Ingenieure und andere Hochqualifizierte, die in der Privatwirtschaft höhere Gehälter kriegen. Rutschen die Ärzte aus dem bisherigen Gehaltsgefüge, werden ihnen andere Berufsgruppen bald folgen wollen.
Es könnte darum dauern, ehe sich die Lage in den Gesundheitsämtern verbessert. Bloß: Viel Zeit ist nicht. Die Belegschaft in den Gesundheitsämtern ist noch stärker überaltert als in anderen Behörden. „Wir sind wie eine stille Polizei“, sagt Gudrun Widders. „Wir schützen die Bevölkerung vor Gesundheitsrisiken. Wenn wir gut funktionieren, bemerkt man uns nicht.“ Wenn die Gesundheitsämter in absehbarer Zeit ihre Aufgaben nicht erfüllen können, dürfte das hingegen spürbare Folgen für die Berliner haben – im Wortsinn.
Quelle: Berliner Zeitung
Interview der Ärztezeitung mit der Berliner Gesundheitssenatorin, Frau Kolat
Interview in der Ärztezeitung mit der Berliner Gesundheitssenatorin, Frau Kolat
„Der Öffentliche Gesundheitsdienst ist im Keller“, haben Sie beim Verein Berliner Wirtschaftsgespräche gesagt. Welche Maßnahmen planen Sie, um ihn dort herauszuholen?“
Kolat: Wir wollen den öffentlichen Gesundheitsdienst stärken und mit mehr Personal ausstatten. Grundsätzlich bietet der ÖGD ein attraktives, multiprofessionelles und verantwortungsvolles Arbeitsfeld. Aber es wird uns dennoch nicht gelingen, offene Stellen zu besetzen, wenn wir die Beschäftigten nicht besser bezahlen. Im ersten Schritt sollte die Bezahlung des ärztlichen Personals an den im Krankenhaus geltenden Tarif angeglichen werden. Dazu bin ich mit dem Finanzsenator im Gespräch, der für das Tarifrecht zuständig ist.
Das gesamte Interview finden Sie in der Ärztezeitung vom 12.04.2017.
Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst besser bezahlen
Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU) hat eine bessere Bezahlung der Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst angemahnt. Bisher würden sie wie Verwaltungsangestellte vergütet, sagte Glawe gestern im Schweriner Landtag. Dadurch sei es schwer, Mediziner für diese wichtige Tätigkeit zu finden – nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in anderen Bundesländern. Glawe appellierte an die Tarifparteien, denn nur sie könnten eine Änderung der Bezahlung von Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst herbeiführen.
Unterbesetzung im öffentlichen Gesundheitsdienst: KV Thüringen schlägt Alarm
Deutsches Ärzteblatt
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Thüringen hat einen dringlichen Appell an das Land und die Kommunen gesandt, den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) zu stärken. „Viele ärztliche Stellen sind unbesetzt. Amtsärzte sind meist Einzelkämpfer und schaffen trotz außerordentlichen Engagements kaum mehr ihre Pflichtaufgaben“, warnte die KV. Vielerorts seien die Gesundheitsämter nur noch eine „formale Hülle mit wenigen Verwaltungsmitarbeitern“. Kaum ein kommunales Gesundheitsamt biete daher zum Beispiel noch umfassende Impfungen und Impfberatungen an.
Land und Kommunen suchten mittlerweile für einzelne Aufgaben des ÖGD sogar nach Vertretungsärzten. So rief das Thüringer Bildungsministerium in Ermangelung von Amtsärzten in Ärzteblatt und KV-Rundschreiben Ärzte dazu auf, die Tauglichkeitsuntersuchungen für die Verbeamtung von Lehrern zu übernehmen.
„Wenn wir auf Dauer die ärztlichen Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes miterledigen müssen, geht das am Ende zulasten unserer eigentlichen Aufgabe, der Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten in Thüringen“, warnte die erste Vorsitzende der KV Thüringen, Annette Rommel. Sie appellierte an Land und Kommunen, den ÖGD „personell, finanziell und materiell so auszustatten, dass er seine Aufgaben wieder selbst erledigen kann.“
Erst Anfang des Jahres hatte die Landesregierung in Thüringen angekündigt, den Kommunen bei der Besetzung offener Amtsarztstellen und der Qualifizierung von Medizinern unter die Arme zu greifen. „Wir haben dafür in diesem Jahr Geld im Landeshaushalt vorgesehen“, sagte Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke).
Grund für das Fehlen von Amtsärzten sei in der Regel die Gehaltsdifferenz zu Klinikärzten, die bis zu 1.000 Euro monatlich betragen könne, so Ramelow. Durch die Landeshilfe sollen die Kommunen die Gehaltslücke durch Zulagen verringern und so möglichst mehr Mediziner gewinnen. „Letztlich ist die Bezahlung von Amtsärzten aber eine Sache von Tarifverhandlungen der Gewerkschaften und des kommunalen Arbeitgeberverbandes“, betonte Ramelow.
Schon auf dem Deutschen Ärztetag 2014 hatte die Vorsitzende der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Ute Teichert, vor einem Ausbluten des ÖGD gewarnt. „In zehn Jahren sind die meisten heute Aktiven im Ruhestand“, stellte Teichert 2014 fest. Zudem sei jede siebte Facharztstelle im ÖGD länger als sechs Monate unbesetzt.
Quelle: hil/ aerzteblatt. de (03.04.2017)
Gesundheit für Alle
Das vorläufige Programm des 67. Wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD und des BZÖGD, des 7. LGL-Kongress für den Öffentlichen Gesundheitsdienst und der 9. Jahrestagung der GHUP ist online.
Mehr Informationen finden Sie auf der Seite des LGL.
Sendung „Fakt ist!“ des MDR – Grippe, Masern, TBC etc.
Hinweis zur Sendung des MDR: Bei über 18.000 Deutschen wurde dieses Jahr Grippe diagnostiziert. Kliniken sind überlastet, öffentliche Einrichtungen wie Banken und Ämter müssen tageweise schließen. Aber auch Masern und TBC breiten sich wieder aus.
Thema: Grippe, Masern, TBC – Die unterschätzte Gefahr
Die Grippe wütet in Deutschland. Dieses Mal mit Zehntausenden Erkrankten so heftig, dass das öffentliche Leben davon beeinträchtigt ist. Krankenhäuser sind überlastet, sodass OPs verschoben werden müssen, der Nahverkehr läuft eingeschränkt und öffentliche Einrichtungen wie Arbeitsämter und Banken müssen tageweise schließen. Wie konnte sich die Grippe trotz vorhandener Impfung so stark ausbreiten?
Aber nicht nur sie ist auf dem Vormarsch. Eigentlich als „besiegt“ geltende Infektionskrankheiten wie Masern, Keuchhusten und TBC sind in unseren Breiten wieder angekommen. Wie konnte das passieren? Fachleute warnen, dass unser Gesundheitssystem nicht ausreichend auf den Ernstfall vorbereitet ist. Es sei nur eine Frage der Zeit ist, bis wir von größeren Seuchen heimgesucht werden. Bei Ebola und EHEC war es demnach eher Glück, dass es uns nicht schlimmer getroffen hat.
Welche Bedrohungen bestehen aktuell? Wo gibt es Defizite in der staatlichen Vorsorge und Betreuung? Und was kann der Einzelne selbst tun, um sich zu schützen?
Am Montag ab 22:05 Uhr diskutieren im MDR u.a. die Bundesvorsitzende des BVÖGD, Frau Dr. Ute Teichert in der Sendung „Fakt ist!“
Ute Teichert:
„Wir sparen seit langem am öffentlichen Gesundheitsdienst. Da brauchen wir uns nicht wundern, wenn im Notfall unser System nicht funktioniert.“
Neues Meldesystem – Bundesregierung will Infektionsschutz verbessern
Mit mehreren Gesetzesänderungen will die Große Koalition den Schutz vor Infektionskrankheiten in Deutschland verbessern. Die Meldepflicht wird ausgeweitet, elektronische Meldungen sollen die Verfahren erleichtern. Laut Experten würden die aktuellen Pläne jedoch mit einem großen Aufwand verbunden sein.
Um die Bekämpfung von Infektionskrankheiten zu verbessern und das Meldesystem zu modernisieren, legte die Bundesregierung im Januar das „Gesetz zur Modernisierung der epidemiologischen Überwachung übertragbarer Krankheiten“ vor. Bei einer öffentlichen Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags nahmen nun Experten zu den Plänen der Großen Koalition Stellung, und äußerten generelle Zustimmung zur Zielsetzung der Bundesregierung. So Anne Bunte, Leiterin des Gesundheitsamts Köln – die es begrüßte, dass ihre Behörde Meldungen von Infektionen zukünftig „endlich elektronisch übermitteln“ kann.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) soll dem Gesetzesentwurf nach beauftragt werden, bis 2021 ein Deutsches elektronisches Meldesystem für Infektionsschutz (DEMIS) aufzubauen. Doch wie beispielsweise ein Vertreter des Bundesverbands deutscher Laborärzte anbrachte, ist die Ablösung der bisherigen „Steinzeitmethode Fax“ nach den aktuellen Plänen noch mit einem sehr großen Aufwand für die Beteiligten verbunden. Von der geplanten Softwarelösung halte sein Verband „gar nichts“ – und fordert stattdessen automatisierte Meldungen über einheitliche Schnittstellen.
Laut Bernhard Bornhofen vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) setzt Deutschland sich mit der Einführung elektronischer Meldung „an die Spitze in Europa“. Allerdings denkt er gleichzeitig, dass das neue System nicht deutlich schneller werde – aber dafür anfälliger gegen Angriffe beispielsweise von Hackern. Auch er sieht die Mehrbelastungen für Gesundheitsämter als erheblich an.
Neben Krankenhäusern sollen zukünftig auch Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen nosokomiale Infektionen (Krankenhausinfektionen) melden müssen – wie auch das Auftreten bestimmter Antibiotika-Resistenzen und Multiresistenzen. Darüber hinaus will die Bundesregierung beispielsweise die Meldepflichten für Hepatitis B, C und D ausdehnen, Pflegeheime und andere Gemeinschaftsunterkünften sollen zukünftig über Krätze-Fälle (Skabies) berichten. Durch strengere Richtlinien zum Umgang mit und zur Vernichtung von Polio-Viren will die Bundesregierung Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Ausrottung des Polio-Erregers umsetzen.
Martin Exner, Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit von der Uniklinik Bonn, brachte für die Deutsche Krankenhaus Gesellschaft (DKG) deren Sorgen über einen zukünftigen „enormen Dokumentationsaufwand“ zur Sprache. Außerdem betonte er die Notwendigkeit einer guten Diagnostik, welche sinnvolle Meldungen erst ermögliche: So würden bisher nach Schätzungen nur zwei Prozent aller Legionellen-Fälle bekannt, weil entsprechende Untersuchungen nicht durchgeführt würden.
Umstritten ist auch, dass Asylbewerber oder Flüchtlinge zukünftig gezwungen werden könnten, sich zur Diagnose möglicher Tuberkuloseinfektionen einer Röntgenuntersuchung zu unterziehen – wie auch Straftäter, die in eine Justizvollzugsanstalt aufgenommen werden. Hiergegen hatte sich wegen erheblicher Eingriffe in die Grundrechte beispielsweise die Linken-Politikerin Birgit Wöllert im Bundestag ausgesprochen. Doch aus Sicht der Bundesärztekammer sei dies aufgrund der Ansteckungsgefahr „angemessen“, wie ein Vertreter bei der Expertenanhörung erklärte.
Geplante Änderungen im Meldewesen. Fazit: erheblicher Mehraufwand für Gesundheitsämter!
BVÖGD nimmt im Gesundheitsausschuss des Bundestages Stellung zu den geplanten Änderungen im Meldewesen.
Fazit: erheblicher Mehraufwand für Gesundheitsämter!
Bürokratie ante portas
Meldungen nach dem Infektionsschutzgesetz soll es nur noch elektronisch geben. Folgekosten blendet die Regierung aus, warnen Verbände.
BERLIN (Florian Staeck). Elektronisch und schlank – so umschreibt die Bundesregierung das Ziel eines modernisierten Infektionsschutzgesetzes, das als Entwurf vorliegt. Das Meldesystem für Infektionskrankheiten soll auf eine elektronische Basis gehoben werden. Das könne Ärzte, Labore und Behörden entlasten, glaubt die Regierung.
Stellungnahmen von Verbänden, die am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Bundestags angehört werden, sprechen eine andere Sprache. Sie warnen vor massiver Mehrarbeit für Ärzte und vor höherer Bürokratie.
Ein Beispiel: Bei der namentlichen Meldung laut Infektionsschutzgesetz soll unter anderem zusätzlich der Aufenthaltsort des Patienten, seine weiteren Kontaktdaten, der wahrscheinliche Zeitpunkt der Infektion oder Angaben zum Impfstatus übermittelt werden. Alleine dies werde „den Zeitbedarf für die Erfüllung der Meldepflicht deutlich steigern“, warnt die Deutsche Krankenhausgesellschaft.
Auch die KBV hält die Aufwandsschätzung im Regierungsentwurf für chronisch optimistisch. So werden dort 40.000 Meldefälle von impfpräventablen Erkrankungen pro Jahr angenommen. Tatsächlich seien es laut Robert Koch-Institut 170.000. Die Integration des geplanten Meldesystems in die Praxisverwaltungssysteme der niedergelassenen Ärzte sei sinnvoll, bekräftigt die KBV. Allerdings sei dabei eine Kompensation der anfallenden Implementierungskosten „unabdingbar“, fordert sie.
Die Bundesärztekammer treibt die Befürchtung um, dass durch die verbindliche Nutzung eines elektronischen Meldeverfahrens für Ärzte ein Zwang durch die Hintertür geschaffen wird, sich an die Telematikinfrastruktur nach Paragraf 291 SGB V anzudocken. Hier müsse die Freiwilligkeit gewahrt bleiben, fordert die BÄK. Der Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) sieht im Entwurf die „praktischen Erfordernisse der Gesundheitsämter“ völlig außen vorgelassen.
Der Umsetzungsaufwand werde unterschätzt, sodass der Bund den Gesundheitsämtern dafür „zweckgebundene finanzielle Mittel“ zur Verfügung stellen sollte. Besonders stört den BVÖGD, dass künftig die Hoheit über die gemeldeten Daten nicht mehr bei den Gesundheitsämtern, sondern beim RKI liegen würde. Landesgesundheitsbehörden benötigten jedoch Zugriff auf den Datenpool, um das infektionsepidemiologisch bedeutsame Geschehen in ihrem Bundesland überwachen zu können.
Quelle: Ärztezeitung
Hygiene: Guter Rat ist nicht immer teuer
Hygiene ist eine der wichtigen Aufgaben für Praxen und Kliniken.
Neben vielen anderen Hilfestellungen ist auch das Gesundheitsamt ein Partner auf Weg zu guten Lösungen. Denn nicht nur die Überwachung gehört zu den Aufgaben. Das Ziel eine gute Hygiene zu erreichen ist ein gemeinsames.
„Hygienemängel sind vermeidbar. Inzwischen gibt es zahlreiche Praxisleitfäden und Empfehlungen, die die immer höher werdenden Anforderungen bewältigen helfen.
Ein Medizinthriller „Keimzeit“ wird soeben gedreht, das Suchwort „Hygieneskandal“ ergoogelt auf Anhieb knapp 9 000 Einträge. Die ersten Treffer handeln stets von Hygienemängeln medizinischer Einrichtungen. Die Öffentlichkeit ist infolge zahlreicher Medienberichte alarmiert. So sehr, dass laut einer aktuellen Befragung repräsentativer Personen aus der Allgemeinbevölkerung nur noch 2,7 Prozent angeben, definitiv keine Angst vor Krankenhauskeimen zu haben.Klinikkeime und Nagellack
Nicht nur deswegen steht derzeit das Hygienemanagement auf der Agenda von Kliniken und Praxen weit oben. Dreh- und Angelpunkt hierfür sind die regelmäßig aktualisierten Leitlinien der „Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention“ – KRINKO –, die am Robert Koch-Institut angesiedelt ist (2). Sie setzen die Standards zur Prävention nosokomialer Infektionen und für den Umgang mit Medizinprodukten. Sie geben Hinweise zu baulichen und organisatorischen Maßnahmen für eine bessere Hygiene, aber auch zu korrekter Kleidung – bis hin zur Länge der Fingernägel und der Verwendung von Nagellack. Die jüngste Publikation von gut 30 Seiten zur Händehygiene belegt, dass man selbst bei den Basics immer noch dazulernen kann.
Die Empfehlungen der KRINKO gelten nicht nur für Kliniken, sondern auch für Arztpraxen, Dialysezentren, Einrichtungen für ambulantes Operieren, Rehazentren und Pflegeheime. Für niedergelassene Ärzte hält zudem das Kompetenzzentrum Hygiene und Medizinprodukte der KVen und der KBV-Hygieneberater und eine Fülle von Informationen bereit: von Hygiene-Leitfäden über Fragebogentests, um den Hygienestatus der eigenen Praxis zu evaluieren, bis hin zu Videos über eine Begehung durch das Gesundheitsamt.
Quelle: Hygiene: Guter Rat ist nicht immer teuer -^ Dtsch Arztebl 2017; 114(3)
Attraktivität des Arztberufs: Niedergelassene haben das Nachsehen
So schreibt das Ärzteblatt:
„Die finanzielle Situation der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten hat sich im Mittel weiter verbessert. Trotzdem ist es finanziell oftmals attraktiver, angestellt in einem Krankenhaus zu arbeiten, als selbst niedergelassen zu sein. Das haben das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) heute anhand der Daten des aktuellen Zi-Praxis-Panels gezeigt. Die Daten umfassen die Jahre 2011 bis 2014.
Danach ist zwar der Jahresüberschuss der Praxen 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 6,6 Prozent auf durchschnittlich 156.000 Euro je Praxisinhaber (2011: 140.000 Euro) gestiegen, wobei die Zahlen für die einzelnen Arztgruppen sehr unterschiedlich ausfallen (siehe Tabelle im Artikel). „Der Jahresüberschuss darf aber nicht verwechselt werden mit dem Einkommen“, erklärte Zi-Geschäftsführer Dominik von Stillfried. Davon abzuziehen seien die ärztliche Altersvorsorge, Kranken- und Pflegeversicherung sowie die Einkommensteuer.
Standardisiere man die Angaben, sinke der Jahresüberschuss auf gut 130.000 Euro. Dieser Wert kommt zustande, wenn man die Einnahmen, die Ärztinnen und Ärzte aus der Behandlung mit privat Versicherten erzielt haben, auf GKV-Niveau herunterbricht und annimmt, dass alle Niedergelassenen 51 Wochenstunden arbeiten.
…“
Bleibt die Ergänzumg zum ÖGD – aus eigener Feder:
Die Auftellung zeigt Unterschiede auf. Aber es gibt noch weitere Unterschiede: die niedergelassenen Fachärzte für Allgemeinmedizin (158.246€) erhalten nach dieser Rechnung 188,9% der Bezüge eines Facharztes für Öffentliches Gesundheitswesen und Leiters eines Gesundheitsamtes (Amtsarzt A 16 mit 83.773,76€, teils A 15 und noch weniger Gehalt).
Auch die Krankenhausärzte werden mit 130.000 – 140.000€ deutlich besser bezahlt.
Der öffentliche Gesundheitsdienst ist somit von den stationären und ambulanten Arzteinkommen abgehängt.
Diese Unterschiede führen zu erheblichen Problemen bei der Nachwuchsgewinnung für den ÖGD.