Wenn dem Gesundheitsamt die Ärzte fehlen

Museumsinsel Berlin, Bode-Bau, Foto: A. Kaunzner

Interview mit Gudrun Widders im Deutschlandfunk

Berliner Amtsärzte schlagen Alarm: Die Gesundheitsämter der Hauptstadt können manche ihrer Pflichten kaum noch erfüllen, weil sie offene Stellen nicht besetzt bekommen. Ein Grund: Die Bezahlung für Mediziner im öffentlichen Dienst ist niedriger als im Krankenhaus.

Gudrun Widders beugt sich über ein Arbeitspapier zur Gesundheitsvorsorge in Berlin-Spandau. Die langen Flure zu ihrem Zimmer im Rathaus sind an diesem Freitagnachmittag schon verwaist. Aber die Leiterin des Gesundheitsamtes hat die Vorsitzende eines Netzwerks noch zu einer Besprechung eingeladen.

„Ich denke, wir gehen mal ein paar Punkte durch in dem Papier.“

„Ja, gerne!“

„Unterstützungsangebote, da haben wir jetzt die Beratungsstelle für behinderte, Krebs- und Aidskranke Menschen. Da ist meine Bitte an Sie, dass da noch aufgenommen wird: Das ist die Beratungsstelle des Gesundheitsamtes.“

„Gut. Ist das auch unter Ihrer Leitung?“

„Stille Gesundheitspolizei“
Die Amtsärztin leitet nicht nur mehrere Beratungsstellen. „Stille Gesundheitspolizei“, so nennt Widders ihre Aufgaben. Sie ist auch zuständig für Infektionsschutz oder zahnärztliche Vorsorgeuntersuchungen. 18 Arztstellen gibt es dafür im Bezirk Spandau. Fünf davon sind allerdings nicht besetzt. Es fehlen vor allem Fachärzte für Hygiene und Umweltmedizin, Kinderärzte oder Psychiater im sozialpsychiatrischen Dienst. In diesem Bereich sind zwei von fünf Arztstellen offen. Ein Kollege ist länger krank, Widders selbst übernimmt Wochenendschichten.

„Wenn dann aber einer von uns krank werden würde, dann sieht es schwierig aus. Und diese sozialpsychiatrischen Einweisungsdienste bedeuten, dass Menschen, die fremdaggressiv sind oder Menschen, die suizidal sind, also eigengefährdet sind, dass sie dann nicht untergebracht werden können.“

Auch andere Pflichten können die Berliner Gesundheitsämter kaum noch erfüllen, etwa die Hygieneüberwachung der Krankenhäuser und Arztpraxen. Dafür hat das Spandauer Gesundheitsamt zwar gerade eine junge Ärztin eingestellt. Die ist aber fachfremd und muss erst noch ausgebildet werden.

Niedrigere Bezahlung als in einer Landesklinik
Außerdem verdient sie etwa 1.000 Euro im Monat weniger als in der Klinik, wo sie davor beschäftigt war. Ein Gehaltsunterschied, der für die meisten Ärzte im öffentlichen Dienst gilt. Dieses Problem habe die rot-rot-grüne Regierung immerhin erkannt, meint Widders. Im Herbst hatte Gesundheitssenatorin Dilek Kolat mehr Personal versprochen:

„Wir haben jetzt zwei große Aufgaben: Zum einen die zurzeit noch offenen Stellen zu besetzen. Und zum anderen eben den öffentlichen Gesundheitsdienst so attraktiv zu machen, dass die weiteren 400 Stellen auch besetzt werden können. Es hilft nichts, neue Stellen bereit zu stellen, wenn diese gar nicht besetzt werden können.“

Dazu hat der Senat ein personalpolitisches Aktionsprogramm aufgelegt. Er will Jobs offensiver bewerben, zentral ausschreiben und vor allem auch besser bezahlen. Zum Beispiel durch höhere Einstufungen. Das Ziel ist die Gleichstellung mit Ärzten in Krankenhäusern. Passiert sei im vergangenen Jahr allerdings nichts, kritisiert der Marburger Bund.

55 von 350 Arztstellen nicht besetzt
Der Landesvorsitzende Peter Bobbert rechnet vor, dass zurzeit 55 Arztstellen von 350 in Berlin nicht besetzt seien. 15 mehr als vor 4 Jahren. Er fordert, die Tarife der Mediziner im öffentlichen Dienst denen in Landeskliniken anzupassen:

„Ungefähr vier Millionen Euro jährlich würde das kosten – in einer Zeit, wo Berlin ja einen Überschuss hat und wo auch im Koalitionsvertrag genau dies drinsteht. Alle Seiten des Berliner Senats sagen ja, und das ist die Krux des Ganzen: Sie wollen eine Erhöhung und das Geld ist da! Sie verbergen sich jetzt allerdings hinter bürokratischen Hürden und schütten es schlicht und ergreifend nicht aus.“

Darüber kann sich Gudrun Widders nur wundern. Sie hat bei ihren  Stellenausschreibungen schon längst alle Spielräume genutzt. Geholfen habe das nicht:

„Wir haben zum Beispiel im sozialpsychiatrischen Dienst eine ärztliche Stelle jetzt das zwölfte Mal seit 2015 ausgeschrieben. Also 2015, 2016 und 2017 jeweils vier Mal und wir haben die Stelle nicht besetzten können.“

 

Quelle:  Deutschlandfunk vom 22.01.2018

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Museumsinsel Berlin, Bode-Bau, Foto: A. Kaunzner

Während in diesen feuchtkalten Tagen das Fieber grassiert, Infektionen mit Noro- und Grippeviren zunehmen und das Robert-Koch-Institut auch noch vor Verharmlosung der Masern warnt, scheint sich in Berlin die Personalnot der Gesundheitsämter zu verschärfen. Mitarbeiter fehlen dort zwar seit Jahren, nun steigen die Anforderungen noch. Nach wie vor nimmt die Zahl der Obdachlosen, Flüchtlinge und Unversicherten eher zu als ab. Auch der allgemeine Zuzug von bis zu 100 Männern, Frauen und Kindern pro Tag belastet den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) der Bezirke.

Der ÖGD ist für Hygieneregeln und Schuluntersuchungen zuständig. Er kümmert sich um Impfungen, Familienberatungen und psychiatrische Gutachten, wenn entschieden wird, ob jemand in eine Anstalt eingewiesen wird. „Es gibt Fälle, da kann der Förderbedarf von Schulkindern nicht ausreichend begutachtet werden, weil Personal fehlt“, sagte Claudia Kaufhold vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes am Montag auf einer Pressekonferenz. „Auch Hygienekontrollen werden nicht immer geschafft.“ Kaufhold war bis 2015 Leiterin des Gesundheitsamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Ihre früheren Kollegen weisen daraufhin, dass seit Inkrafttreten des Prostituiertenschutzgesetzes im Juli 2017 sich potenziell jede Sexarbeiterin und jeder Sexarbeiter durch die Gesundheitsämter hätte beraten lassen können – bei geschätzt 10.000 Prostituierten völlig illusorisch, heißt es aus den Bezirken.

500 Vollzeitstellen derzeit unbesetzt

Vielleicht hat da Peter Bobbert recht, als er am Montag die Stimme hebt. „Wären die Gesundheitsämter einfach Krankenhäuser“, sagte Bobbert, „würden wir streiken und hätten in einer Woche eine Lösung.“ Er ist Internist und Landeschef der Ärztevertretung Marburger Bund. „Aber“, fährt Bobbert fort, „in den Ämtern fehlen schon so viele Leute: Wer soll da noch streiken?“ Zudem sei man sich der Verantwortung bewusst, denn legten die Angestellten – ein Drittel der Ärzte im Amt sind Beamte – die Arbeit nieder, bräche die Versorgung zusammen.

Werden die rund 2000 Vollzeitstellen aus der mittelfristigen Senatsplanung zugrunde gelegt, sind derzeit mehr als 500 unbesetzt. In jedem Fall müssten 55 Stellen neu mit Fachärzten besetzt werden. Wie berichtet, führt der Marburger Bund die Gehälter in den Ämtern als Grund für fehlende Bewerber an. Berlin entlohnt die Angestellten der Bezirke analog zu den Beschlüssen der Tarifgemeinschaft deutscher Länder – und die sieht keine spezifischen Arzttarife vor. Sie sind politisch nicht gewollt. Der Marburger Bund hatte den Senat zuvor zu Tarifverhandlungen aufgefordert, damit die bezirklichen Mediziner künftig nach dem Tarifvertrag der Klinikärzte bezahlt werden.

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) kündigte an, über Zulagen die Gehaltslücke schließen zu wollen. Die Forderungen der Ärzte seien berechtigt. „Bis wir die anderen Bundesländer überzeugt haben“, sagte Kolat, „werden wir in Berlin einen eigenen Weg gehen und die Gehaltslücke durch Zulagen schließen.“ Derzeit werde mit der Finanzverwaltung eine Handreichung für die Bezirke erarbeitet, wie Zulagen umgesetzt werden können. In einem Senatskonzept von September 2017 heißt es: Für die nächsten Jahre werde „eine hohe Flexibilität hinsichtlich des Personals erforderlich sein“, es bedarf „erheblicher Anstrengungen“, um alle Leistungen zu erbringen.

Quelle: Tagesspiegel vom 23.01.2018

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Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. wünsche allen Mitstreitern, Weg-Begleitern, ÖGD-Verbundenen, Aktiven, Mitgliedern der Landesverbände sowie des BZÖG und allen Freunden mit deren Familien ein

Frohes und Gesegnetes Weihnachtsfest
und Alles Gute im Neuen Jahr 2018

Auch in diesem Jahr verzichten wir auf Grußkarten und spenden für „action medeor“

Das nun fast vergangene Jahr war für den BVÖGD ein sehr bewegtes mit vielen Anstrengungen und Veränderungen. Wir sind gespannt, was uns das Jahr 2018 bringen wird und hoffen, gemeinsam mit unseren Mitgliedern, Mitstreiterinnen und Mitstreitern die Situation im ÖGD, insbesondere die personelle Ausstattung und die tariflichen Rahmenbedingungen, zu verbessern.

Ihnen allen wünschen wir das Beste für das Neue Jahr und vor allem Gesundheit.

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Dr. Johannes Nießen, der 1. Stellvertr. Vorsitzeden des BVÖGD bei einer Keynote

Die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten, kontinuierlich zu verbessern und vor neuen Gefahren zu schützen, ist eine große Herausforderung. Dennoch ist die Bedeutung von Public Health für die Gesundheit der Menschen in Deutschland im öffentlichen Bewusstsein wenig verankert und institutionell nur unzureichend widergespiegelt. Dies gilt für Forschung und Lehre, den Öffentlichen Gesundheitsdienst, aber auch für die vielen Querschnittsbereiche, in denen vor Ort für die Gesundheit der Bevölkerung gearbeitet wird.

Hier die Partner zusammen zu bringen, gegenseitiges Verständnis zu stärken und gemeinsam die Aufgaben der Zukunft zu bewältigen ist eines der Ziele des „Zukunftsforum Public Health in Deutschland“.

18.12.2017

 

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Museumsinsel Berlin, Bode-Bau, Foto: A. Kaunzner

Sie beraten Behinderte, kontrollieren die Krankenhaus-Hygiene oder untersuchen Kinder vor der Einschulung: Berlins Gesundheitsämter kümmern sich um vielfältige Aufgaben – und bekommen dafür bald mehr Personal. Offen ist noch, ob sich die Bezahlung verbessert.

Der Berliner Senat hat am Dienstag beschlossen, den öffentlichen Gesundheitsdienst von derzeit 1.631 auf künftig 2.033 volle Stellen auszubauen. Damit sollen bis zum Jahr 2021 rund 400 neue Stellen hinzukommen. Die ersten neuen Mitarbeiter sollen 2018 eingestellt werden. Zuvor muss allerdings noch das Abgeordnetenhaus dem Senatsbeschluss zustimmen.

Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) begründet den gestiegenen Personalbedarf mit dem Einwohnerwachstum Berlins. Die Gesundheitsämter müssten mitwachsen, sagte Kolat, denn sie seien entscheidend, um „sozial bedingte gesundheitliche Nachteile auszugleichen“.

Wie attraktiv sind die neuen Stellen?

Die Berliner Gesundheitsämter stellen unter anderem den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst, den zahnärztlichen Dienst und den sozialpsychiatrischen Dienst. Andere Mitarbeiter kümmern sich um den Infektionsschutz oder die Einschulungsuntersuchung, beraten behinderte Menschen oder überwachen die Hygiene in den Krankenhäusern.

Bezahlung soll sich verbessern

Bei der tatsächlichen Besetzung der angekündigten Stellen dürfte die Bezahlung eine Herausforderung sein. Ärzte etwa verdienen bislang in Berlin im öffentlichen Gesundheitsdienst deutlich weniger als an einer Klinik. Senatorin Kolat kündigt an, das zu ändern: „Um die Stellen besetzen zu können, müssen wir die Bezahlung verbessern“, sagte sie. Deshalb will Kolat nach eigener Aussage dafür kämpfen, Gehälter im Gesundheitsdienst denen bei konkurrierenden Arbeitgebern anzugleichen.

Quelle: rbb24 – 24.10.2017

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Die schlechte Bezahlung von Ärztinnen und Ärzten in den Gesundheitsämtern kritisierte Landesärztekammer-Präsident Dr. Günther Matheis im Ärzteblatt 08/2017. Er forderte, dass Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst wie Klinikärzte bezahlt werden sollten.
Dies sieht auch Amtsarzt Dr. Harald Michels aus Trier so:

„Die Problematik eines zunehmenden Ärztemangels in Deutschland ist inzwischen hinreichend bekannt und auch allgemein wahrgenommen worden. Im Bereich der Gesundheitsämter verschärft sich die Situation durch die schlechte, nicht adäquate Bezahlung der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) gegenüber den Krankenhausärzten, aus denen der ÖGD am ehesten neue ärztliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rekrutieren kann. Jemand der bereits niedergelassen ist, wird sich in der Regel selten dazu entschließen, nach entsprechend getätigten Investitionen noch einmal in den Öffentlichen Gesundheitsdienst einzutreten. Insofern kommen nur die Krankenhäuser, die ebenfalls schon unter Ärztemangel leiden, als Quelle für neue Ärztinnen und Ärzte in Frage.

Die Honorierung der ärztlichen Leistungen in den Gesundheitsämtern driftet gegenüber den Krankenhausärzten bei jedem abgeschlossenen Tarifvertrag weiter auseinander. Dies trifft auf die beschäftigten Ärztinnen und Ärzte im ÖGD zu und noch viel mehr auf die beamteten Ärztinnen und Ärzte, da in Rheinland-Pfalz in den letzten 20 Jahren nicht jeder Tarifabschluss im Öffentlichen Dienst auch für die Beamten übernommen worden ist. Dies führt zu einer zusätzlichen Sogwirkung in andere Bundesländer oder in das benachbarte Ausland. Bei entsprechenden Stellenausschreibungen für eine Tätigkeit im Öffentlichen Gesundheitsdienst sind kaum noch adäquate Bewerberinnen und Bewerber zu finden, erfahren sie dann jedoch, was finanziell für sie herauskommen würde, lehnen sie oft kategorisch eine solche Beschäftigung ab. Dies hat dazu geführt, dass in den Gesundheitsämtern bereits jetzt ein gravierenderer Ärztemangel eingetreten ist als im übrigen Gesundheitsbereich.
Es ist deshalb höchste Zeit, dass sowohl die Politik, aber insbesondere auch der Verband kommunaler Arbeitgeber, endlich einsehen, dass nur eine bessere dauerhafte Honorierung für die Ärztinnen und Ärzte im ÖGD die Situation verbessern kann.
Hierbei muss sowohl eine krankenhaustarifadäquate Bezahlung der beschäftigten Ärztinnen und Ärzte als auch eine entsprechende Amtszulage für die verbeamteten Ärztinnen und Ärzte im ÖGD eingeführt werden.
Mit diesem offenen Brief fordere ich deshalb sowohl die Politik als insbesondere auch den Verband kommunaler Arbeitgeber auf, endlich einzusehen, dass hier nur eine gleichartige Bezahlung wie in den Krankenhäusern Erfolg verspricht. Gleichzeitig fordere ich die Gesundheitsministerinnen und Gesundheitsminister der Länder auf, die von ihnen auf mehreren Gesundheitministerkonferenzen weitgehend einstimmig getroffenen Beschlüsse im eigenen Zuständigkeitsbereich umzusetzen und ihr eigenes ärztliches Personal ebenfalls besser zu bezahlen und auch die Kommunen finanziell so auszustatten, dass sie die höhere Honorierung der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst stemmen können.

Wie wichtig ein funktionierender ÖGD ist, haben die Schweinegrippeepidemie im Jahr 2009 als auch die Bewältigung der hohen Fallzahlen der Untersuchungen der Asylbegehrenden im Jahr 2015 eindringlich gezeigt.
Ein von mir sehr geschätzter Kollege hat vor Jahrzehnten bereits gegenüber den verantwortlichen Politikern folgendes kundgetan: „Damit es auch alle verstehen können – Ohne Artisten fällt die Zirkusvorstellung aus.“
Für die Unterstützung durch den Präsidenten der Landesärztekammer Dr. Günter Matheis und die Unterstützung durch den Landrat des Landkreises Trier-Saarburg Günther Schartz möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bedanken.

 

Quelle: Ärzteblatt Rheinland-Pfalz – 10/2017

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Kind wird untersucht

Nach dem Abschluss ihres Medizin-Studiums war Regina Ellwanger (30) als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Ebola-Projekt des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin tätig. Die Infektiologie ist ein Steckenpferd der jungen Medizinerin. Seit Sommer 2016 bildet sie sich zur Fachärztin im öffentlichen Gesundheitswesen weiter. Ausbildungsstätte ist das Frankfurter Gesundheitsamt

„Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am RKI hatte ich keine Möglichkeit, mich in eine Facharzt-Richtung weiterzubilden“, sagt Ellwanger. Sie stammt aus der Nähe von Kiel und kam zum Studium nach Frankfurt. Als sie mit dem Studium fertig gewesen sei, habe es die Stelle beim Gesundheitsamt noch nicht gegeben, so dass sie zunächst nach Berlin ging. „Als die Stelle ausgeschrieben wurde, war dies für mich die Gelegenheit, weiter im öffentlichen Gesundheitswesen zu arbeiten und das mit einem Facharzttitel zu verknüpfen.“

Nicht zum ersten Mal ist Ellwanger im Frankfurter Gesundheitsamt tätig. Erste Einblicke in die Behörde mit Sitz in der Breiten Gasse erhielt sie während ihres praktischen Jahres 2014. „Ich war damals die Erste, die im praktischen Jahr im Gesundheitsamt war“, erinnert sich Ellwanger. „Schon damals hat mir die Arbeit sehr gut gefallen.“

Schwieriger Titel

Ellwanger weiß, dass es – gemessen an den klassischen Fachrichtungen – nur wenige junge Ärzte gibt, die sich für einen Facharzt im öffentlichen Gesundheitswesen entscheiden. Professor René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, führt das auch darauf zurück, dass es der schwierigste Facharzttitel überhaupt sei. Ob das wirklich so ist, weiß Ellwanger nicht. „Die Dauer ist nicht viel länger als bei anderen Fachrichtungen“, sagt sie. Nach fünf Jahren sei man fertig. Voraussetzung ist die Approbation, also die Zulassung, um als Arzt zu praktizieren.

„Wesentlicher Bestandteil der Facharztweiterbildung ist, dass man drei Jahre klinisch in der Patientenversorgung arbeitet, davon mindestens ein halbes Jahr in der Psychiatrie“, erläutert Ellwanger. Im März habe sie – vermittelt durch das Frankfurter Gesundheitsamt – am Universitätsklinikum mit der für angehende Fachärzte vorgeschriebenen Klinikzeit begonnen. Derzeit ist sie auf der Infektiologie als Stationsärztin im Einsatz. „Gerade die Infektiologie kann man wunderbar verbinden mit den Aufgaben im öffentlichen Gesundheitswesen“, sagt sie. Denn der Infektionsschutz sei für das Gesundheitsamt eine der großen Pflichtaufgaben.

Als Herausforderung der Facharztweiterbildung sieht sie, dass sie während des Studiums nicht weiter auf die Themenfelder vorbereitet wurde, die im öffentlichen Gesundheitswesen die zentrale Rolle spielen. Dazu gehörten neben dem Infektionsschutz beispielsweise auch die Begutachtung in der Kinder- und Jugendmedizin bei den Schuleingangsuntersuchungen, die Hygiene, der sozialpsychiatrische und der amtsärztliche Dienst.

Wichtig sei außerdem, dass man mit einem erweiterten Blick auf die Bevölkerungsmedizin schaue und Netzwerkarbeit leiste. So stehe man in Kontakt mit anderen Behörden, mit sozialen Einrichtungen, mit Schulen, aber auch mit Einzelpersonen. Das Frankfurter Gesundheitsamt sei eine große Einrichtung. Hier gebe es auch eine HIV-Beratung, Beratung für Sexarbeiter, frühe Hilfen und eine Impfberatung. Zudem eine humanitäre Sprechstunde für Menschen, die keine Krankenversicherung haben.

Hygiene

Neben der Infektiologie interessiert mich besonders auch der Bereich der Hygiene“, sagt Ellwanger. „Das hat auch etwas mit meinem praktischen Alltag im Krankenhaus zu tun.“ Die Facharztweiterbildung schließt nach drei Jahren Klinik und eineinhalb Jahren Gesundheitsamt mit einem theoretischen Teil an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf ab. „Frankfurt ist für mich ein absolutes Privileg, auch dass ich die vorgeschriebene Klinikzeit in der Universitätsklinik machen darf“, sagt die junge Ärztin. Und mit der Mainmetropole ist sie sowieso eng verbunden. Ihr Freund lebt hier.

Quelle:  Frankfurter neue Presse 23.10.2017

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Museumsinsel Berlin, Bode-Bau, Foto: A. Kaunzner

Berlin wächst, die Stadt braucht neben neuen Wohnungen, Bahnen, Schulen eben auch: mehr Ärzte. Und zwar nicht nur in den Praxen und Kliniken, die als erste und zweite Säule des Gesundheitswesens bezeichnet werden. Denn neben zehntausenden Zuzüglern im Jahr, die gemeinhin als sozial abgesichert gelten, kommen nach wie vor Flüchtlinge, Obdachlose, letztlich Hilfsbedürftige aller Art in die Stadt. Zudem stiegen bei den Alteingesessenen die Geburtszahlen – alles Gründe, weshalb zunehmend die dritte Säule des Gesundheitswesens beansprucht wird: die Gesundheitsämter.

Fast 560 Ärzte, Pädagogen, Übersetzer, Therapeuten gesucht

Zwölf – eines pro Bezirk – gibt es davon in Berlin. Nach Berechnung des Senats fehlen dort insgesamt fast 560 Mitarbeiter. Bezogen auf die derzeit knapp 1480 besetzten Stellen wäre demnach ein Zuwachs von fast 40 Prozent notwendig. Schon heute hätten eigentlich 1630 Planstellen in den Gesundheitsämtern besetzt sein müssen. Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) kündigte am Dienstag an, mehr als 400 weitere Posten besetzen lassen zu wollen: Senat und Bezirke suchen in den kommenden ein bis zwei Jahren folglich hunderte Ärzte, Therapeuten, IT-Leute, Sozialpädagogen, Übersetzer.

Am Ende soll es 2033 Vollzeitstellen geben, wobei es sich in der Praxis um deutlich mehr Teilzeitstellen handeln dürfte. Das alles wird schwierig, klappt es doch seit Jahren nicht, ausreichend Fachleute in die Verwaltung zu locken. Die Posten in den Ämtern sind zwar sichere Arbeitsplätze, es wird auch nach Tarif bezahlt. Nur bringt gerade letzterer Probleme mit sich.

Im Gesundheitsamt gibt es 1000 Euro weniger als in der Klinik

Ein Facharzt mit mehrjähriger Berufserfahrung erhält in einem Bezirksamt im Monat 1000 Euro weniger, als ein ranggleicher Arzt in der Klinik nebenan. Weshalb fast 50 der aktuell eingeplanten 315 bezirklichen Arztstellen unbesetzt sind. Im Ergebnis wird manche Untersuchung verschoben, die Hygienekontrollen womöglich verknappt, einige Suchtberatungen nicht durchgeführt – und das alles, während öffentlich über mehr Obdachlose im Tiergarten, massive Verwahrlosung rund um den Strich an der Kurfürstenstraße und die maroden Schulen in Berlin diskutiert wird.

Ausgerechnet im Gesundheitsamt in Mitte, wo sich neben Bundespolitikern, Besuchern und Beamten auch immer mehr Stricher, Obdachlose, Gestrandete aufhalten, sind zwölf der 36 ärztlichen Stellen nicht besetzt. Matthias Brockstedt, ärztlicher Leiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes, findet keine Kandidaten, die diese Jobs in dieser nicht ganz einfachen Stadt machen wollen. Im Gesundheitsamt Mitte werden im Jahr 16 000 Termine mit Kindern und Jugendlichen absolviert. Aber fast alle zwölf Ämter kommen nicht hinterher: Während die Kliniken schwere, oft stationäre Fälle und die Praxen ambulante Patienten versorgen, kümmern sich die Ämter um Hygiene in öffentlichen Einrichtungen, Impfungen, Seuchenbekämpfung, Suchtprävention und die oft unversicherten Wohnungslosen.

Lassen sich Berliner Beschlüsse gar nicht in Berlin umsetzen?

Auch für sich selbst sucht Mediziner Brockstedt seit fast einem Jahr einen Nachfolger. Er bekommt rund 6700 Euro brutto im Monat, der 65 Jahre alte De-facto-Chefarzt führt 85 Mitarbeiter. In Kliniken erhalten ranggleiche Ärzte das Doppelte. Im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag liest sich das anders: Ärzte sollen in Ämtern demnach so bezahlt werden wie in Kliniken. Senatorin Kolat hat sich dafür wohl auch bei ihrem Kollegen für Finanzen, Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) eingesetzt. Nur entschied der offenbar mit dem Segen der Gesamtkoalition: Das Land verhandelt nicht mit den Ärzten über ein neuen Tarif in den Ämtern, es wartet lieber auf eine Bundeslösung. Das dauert, denn die demnach zuständige Tarifgemeinschaft deutscher Länder (TdL), der Berlin – im Senat ist man stolz – seit 2013 wieder angehört, könnte sich mit Verweis auf Hamburg noch Zeit lassen: Dort werden die Ärzte in den Ämtern ebenfalls nach dem TdL-Tarif bezahlt, sie bekommen aber einen Zuschlag von der Stadt, der die Lücke zu den Krankenhauslöhnen schließt.

Bei der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB) wundert man sich deshalb, dass die Berliner Koalition offenbar Vorhaben beschließt, die nur bundespolitisch umzusetzen wären. Vom Senat fordere man, sagte MB-Landesgeschäftsführer Reiner Felsberg, die Mediziner nach dem in Kliniken gültigen Tarif zu bezahlen. Schon heute könnten die Bezirke nicht mehr alle Pflichtaufgaben voll erfüllen – nun noch Dutzende neuer Ärzte zu finden, dürfte angesichts der Tariflage fast aussichtslos sein. Gesundheitssenatorin Kolat sagte am Dienstag vorsichtig: Abwarten, was der Finanzsenator aus den Gesprächen in der TdL berichten wird.

Quelle: Der Tagesspiegel  24.10.2017

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Bislang einmalige Übung in Berlin

Es ist neben Terroranschlägen mit Atombomben oder Giftgas eine dritte fürchterliche Variante: ein Angriff mit biologischen Waffen, etwa tödlichen Bakterien oder Viren, die Seuchen auslösen. Mit einer in Deutschland bislang einmaligen Übung haben Polizeibehörden und Wissenschaftler einen entsprechenden Großeinsatz geprobt.

Bei dem dreitägigen Test in Berlin geht es um die reibungslose Zusammenarbeit der Landes- und Bundespolizei, des Spezialeinsatzkommandos GSG 9, der Seuchenexperten vom Robert-Koch-Institut, der Amtsärzte der Gesundheitsämter, der Feuerwehr und der Krisenstäbe der Ministerien.

Das Übungsszenario war folgendes: Drei Tage zuvor gab es eine Fotoausstellung zu muslimischen Sportlern mit 200 geladenen Besuchern. Kurz darauf erkrankten mehrere Menschen, drei starben. Ärzte stellten als Ursache Pestbakterien und das tödliche Gift Rizin fest. Nach ersten Ermittlungen ging die Polizei von einem terroristischen Anschlag mit islamistischem Hintergrund aus und identifizierte über Fingerabdrücke einen Verdächtigen.

Seuchenspezialisten und Amtsärzte mit eingebunden

In der Übung stürmte die GSG 9 am Mittwochmorgen die Wohnung des Mannes, die im Szenario ein Labor enthielt und in einem Rohbau der Polizeiübungsstadt Ruhleben im Westen Berlins liegt. Die Mitglieder der Spezialeinheit rückten schwer bewaffnet und mit Gasmasken ausgerüstet an. Sie schossen einen der Täter an und fanden eine Leiche, offenbar ein Opfer der Seuche. Die Polizei twitterte: „Der beim Zugriff verletzte Verdächtige zeigt Krankheitssymptome. Für alle Einsatzkräfte ist höchste Vorsicht geboten.“ Kriminaltechniker untersuchten die Wohnung.

Parallel mussten sich Amtsärzte und Seuchenspezialisten des Robert Koch-Instituts um die 200 Besucher der Ausstellung kümmern und sie mit Gegenmitteln versorgen. Die Nachbarn der Terroristen-Wohnung mussten untersucht und unter Umständen isoliert werden, um eine Verbreitung der Seuche zu verhindern. Feuerwehrleute in Schutzanzügen stellten am Mittwoch nahe der fingierten Wohnung der Terroristen Zelte zur Dekontamination von möglicherweise infizierten Menschen auf.

Die Übung, die von den beteiligten Behörden seit zwei Jahren vorbereitet wurde und deren Auswertung ein halbes Jahr dauern soll, trug den Namen „Wunderbaum“ – der Name der Pflanze, deren Samenschalen Rizin enthalten. Neben 300 direkt Beteiligten waren auch 80 nationale und internationale Sicherheits- und Gesundheitsexperten, darunter Vertreter des amerikanischen FBI und europäischen Polizeibehörden, bei der Übung dabei.

Wichtig: Absprache zwischen Polizei und Ärzten

Außerdem vor Ort: zahlreiche Beobachter und sogenannte Schiedsrichter der Polizei, die später die Analyse der Abläufe vornehmen. Eine Drohne schwebte über dem großen Übungsgebiet und filmte. Den ganzen Tag informierte die Polizei die Öffentlichkeit über den Ablauf der Übung per Mitteilungen und Fotos in ihrem Twitterkanal.

Im Mittelpunkt des Tests standen die Ziele: der Schutz der Bevölkerung und die Verfolgung der Terroristen. Es gehe um Absprachen zwischen der Polizei und den Ärzten, die verschiedene Prioritäten und Interessen hätten, wie Berlins Innensenator Andreas Geisel und Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (beide SPD) sagten. „Es gibt viele, viele Schnittstellen. Keiner kann alleine die Lage bewältigen.“ Die Auswertung der Übung soll als Vorlage für andere Bundesländer dienen.

Quelle: Deutsche Ärztezeitung online, 12.10.2017

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Dr .Ute Teichert

Das Gespräch mit Dr. med. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes: „Wir sind mit unseren Themen wesentlich präsenter“

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) arbeitet an einem neuen Leitbild. Ute Teichert über die vielfältigen Aufgaben der Ärzte im ÖGD, drohenden Nachwuchsmangel, viel zu niedrige Gehälter und verpasste Chancen im Präventionsgesetz.

Frei von kommerziellen Interessen, die Bevölkerung stärker im Blick als den Einzelnen, dennoch da für die Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind: Wenn man sie bittet, das Besondere an der Arbeit des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) herauszustellen, ist das Dr. med. Ute Teicherts Antwort. Sie vertritt seit sieben Jahren als Bundesvorsitzende die Interessen der 2 500 Ärztinnen und Ärzte des ÖGD. Deren Aufgaben sind vielfältig. Einige Beispiele: Die Amtsärzte überwachen die Infektionshygiene in Krankenhäusern und Arztpraxen. Sie führen Schuleingangsuntersuchungen und Impfberatungen durch. Sie übernehmen die Tauglichkeitsuntersuchungen für künftige Beamte, stellen Gutachten in Asylverfahren aus und beraten Prostituierte in Gesundheitsfragen. Dazu kommen aufsuchende Hilfen für Menschen, die keine Wohnung haben, oder schwer psychisch Kranke. Außerdem sorgen die Amtsärzte dafür, dass sich Infektionskrankheiten nicht unkontrolliert ausbreiten. Und als 2015 Tausende Flüchtlinge in Deutschland eintrafen, waren es meist die Gesundheitsämter, die die medizinischen Erstuntersuchungen vornahmen.

„Im Gesundheitsamt gibt es ständig neue Herausforderungen“, sagt Teichert. „Das macht die Arbeit interessant, und deshalb lohnt es sich, an dieser Stelle einmal einen Werbeblock für den ÖGD einzuschieben.“ Denn den plagen Nachwuchssorgen. So ist die Zahl der Ärzte in den Gesundheitsämtern in den letzten 20 Jahren Teichert zufolge um ein Drittel zurückgegangen. Viele ärztliche Stellen blieben unbesetzt. Manche Amtsärzte seien auf die Unterstützung der niedergelassenen Kollegen angewiesen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können.

Teichert macht die viel zu niedrigen Gehälter im ÖGD mit dafür verantwortlich, dass der Nachwuchs ausbleibt und vermehrt Ärzte den Gesundheitsämtern den Rücken kehren. Weil die Amtsärzte dem Verwaltungspersonal zugerechnet würden, verdienten sie rund 1 000 Euro brutto monatlich weniger als Ärzte im Krankenhaus. Bei der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeberverbände stoße der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD) mit der Forderung nach einer Angleichung der Gehälter seit Jahren auf taube Ohren, kritisiert Teichert. Dabei habe die Flüchtlingskrise gezeigt, dass die Amtsärzte „draußen die Leute versorgen. Wir sitzen nicht in der Amtsstube und verwalten Akten.“ Für Teichert ist die Blockadehaltung der Arbeitgeber nicht nachvollziehbar. Viele Ärzte im ÖGD schätzten zwar ein familienfreundliches Arbeitsumfeld mehr als ein hohes Gehalt. „Aber wenn die Schere derart auseinanderklafft, werden wir niemanden mehr für den ÖGD gewinnen können“, warnt Teichert. Ihr Verband, der die Ärzte auch gewerkschaftlich vertritt, hat jetzt Konsequenzen gezogen und zum Ende des Jahres die Tarifgemeinschaft mit dem Deutschen Beamtenbund gekündigt. Der Tarifvertrag für die Ärzte im ÖGD laufe im Februar 2018 aus. „Dann wollen wir arztspezifische Tarifverträge verhandeln“, sagt Teichert.

Rückhalt in der Ärzteschaft

Zum Positiven gewendet hat sich ihrer Ansicht nach die öffentliche Wahrnehmung des ÖGD. „Wir sind mit unseren Themen wesentlich präsenter“, meint Teichert. Die Arbeit der Gesundheitsämter werde geschätzt. Dazu beigetragen habe sicherlich der Deutsche Ärztetag im Mai 2014, der dem ÖGD einen eigenen Tagesordnungspunkt widmete. Das Ärzteparlament hatte schon damals Bund, Länder und Kommunen als Träger des ÖGD aufgefordert, diesen finanziell und personell angemessen auszustatten. Dem ÖGD mit seinen Aufgaben in der Bevölkerungsmedizin, der Prävention sowie der Gesund­heits­förder­ung und -beratung komme neben der ambulanten und stationären Versorgung als dritter Säule des Gesundheitswesens ein besonderer Stellenwert zu, hieß es in einem Beschluss. Die Delegierten hatten zudem die Bundesregierung aufgefordert, das Fach „Öffentliches Gesundheitswesen“ in der medizinischen Ausbildung aufzuwerten. Passiert ist seither nichts. „Dabei wäre es ein wichtiger Schritt, wenn in der Approbationsordnung wenigstens erwähnt würde, dass man auch im Gesundheitsamt Famulaturen und einen Teil des PJ ableisten kann“, meint Teichert. Viele Medizinstudierende kämen während des gesamten Studiums nicht mit dem ÖGD in Kontakt.

Eine Lanze „für einen starken Öffentlichen Gesundheitsdienst“ brach im Juni 2016 auch die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder (GMK). Die Minister verabschiedeten einen Beschluss, den Teichert als „richtungsweisend“ bezeichnet. Angesichts drohender medizinischer Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen und sozialen Brennpunkten regten sie an, die Gesundheitsämter stärker in die Planung und Gestaltung regionaler Versorgungskonzepte einzubinden. „Die GMK sieht im ÖGD ein professionelles Netzwerk, das mit und in allen Gesundheitsbereichen von der Prävention und Gesund­heits­förder­ung, dem Gesundheitsschutz bis zur Versorgung kooperativ und koordinierend tätig ist“, heißt es in dem Beschluss. Um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen, brauche der ÖGD aber ein modernes Leitbild.

Teichert kann dem nur zustimmen. Sie sieht die Gesundheitsämter als die Stelle, wo die Fäden zusammenlaufen, als Koordinatoren in der Mitte eines multiprofessionellen Netzwerks, und weniger als dritte Säule im Versorgungssystem. Aber man könne ein Leitbild nicht von oben nach unten verordnen. Ein erster Entwurf der Länder soll deshalb bei der Jahrestagung der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, die Teichert leitet, am 26. September in Düsseldorf breit diskutiert und in Arbeitsgruppen weiterentwickelt werden. Das Ergebnis werde man an die Länder zurückspielen.

Jedenfalls stellt deren Leitbildentwurf fest, dass die multiprofessionellen Teams im ÖGD einen wichtigen Beitrag dazu leisten, das Prinzip von „Gesundheit in allen Politikbereichen“ zu verankern. Damit der ÖGD auch in Zukunft seine Aufgaben erfüllen kann, sind nach Ansicht der Länder drei Punkte von entscheidender Bedeutung: politische Rückendeckung von Bund, Ländern und Kommunen, ein schärferes Profil in Abgrenzung zu den anderen Akteuren im Gesundheitswesen sowie eine angemessene Personalausstattung. Letztere müsse sich am Umfang der fachlichen Aufgaben ausrichten und nicht an finanzpolitischen Vorgaben. Mit solchen Forderungen rennt man bei Teichert offene Türen ein. Die Gesundheitsämter hätten in den letzten Jahren zwar durch erweiterte Kontroll- oder Beratungspflichten zusätzliche Aufgaben, aber nicht mehr Mittel erhalten. „Wenn die Finanzminister in den Ländern immer mehr zu sagen haben als die Ge­sund­heits­mi­nis­ter, kommen wir im ÖGD nie auf einen grünen Zweig“, meint Teichert.

Ahrweiler ist nicht Berlin

Vor der Übernahme von mehr Verantwortung im Rahmen des Präventionsgesetzes hätte sich der ÖGD dagegen nicht gescheut. Prävention und Gesund­heits­förder­ung seien ureigene Aufgaben der Gesundheitsämter, sagt Teichert: „Dass der ÖGD im Präventionsgesetz außen vor bleibt, ist ein echter Webfehler.“ Denn so blieben existierende Strukturen wie die kommunalen Gesundheitskonferenzen, die den Bedarf in ihren Städten und Gemeinden kennen, ungenutzt. Dasselbe gelte für die aufsuchenden Hilfen der Gesundheitsämter. Diese hätten Zugang zu Menschen, die man mit Präventionsangeboten ansonsten eher schwer erreiche. „Prävention kann man nicht verordnen oder über bundesweite Aufklärungskampagnen bewirken“, meint Teichert. „Man muss in den Stadtteilen und auf den Dörfern schauen, was gebraucht wird. Der Bedarf ist in Ahrweiler völlig anders als in Berlin.“

Quelle:
Dtsch Arztebl 2017; 114(38): A-1696 / B-1438 / C-1408
Korzilius, Heike

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Kongresshalle in Osnabrück

68. wissenschaftliche Kongress des BVÖGD und des BZÖG in Osnabrück

Der 68. Bundeskongress steht unter dem Motto: „Der Öffentliche Gesundheitsdienst – jetzt erst recht!“. Beide Bundesverbände laden Sie herzlich ein, Ihre Erfahrungen und Arbeitsergebnisse auf dem Gebiet des Öffentlichen Gesundheitswesens in Form eines Vortrags oder einer Posterpräsentation einzubringen.

Sie haben noch bis 01.10.2017 – verlängert bis 15.10.2017! – Zeit, über folgenden Link Ihre Anmeldungen für Vorträge und Poster für den gemeinsamen Kongress von BVÖGD und BZÖG vorzunehmen.

Link zur Abstracteinreichung

Alle Beitragseinreichungen sind nur online möglich. Wir freuen uns über Ihre Vortrags- und Postereinreichung bis zum 01.10.2017.

Folgende Themen stehen wieder im Fokus des kommenden BVÖGD / BZÖGD – Kongresses:

 

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Kind wird untersucht

Immer, wenn er kam, hatte man ein mulmiges Gefühl. Der Schul-Zahn-Bus war in den 70er und 80er Jahren Teil einer inneren Prüfung. Der Besuch im Bus war obligatorisch. Besonders sensibel waren die Mediziner damals nicht und so die Lust gering, in den Bus zu steigen. Angst vor dem Zahnarzt muss heute eigentlich niemand mehr haben, die Behandlung ist deutlich sensibler und schonender für den Patienten.

Jeder, der zur Schule gegangen ist, wird sich an einen Amtsarzt erinnern, auch wenn es nicht zwangsläufig der Zahnarzt gewesen sein muss. Es kann auch eine Impfung oder eine allgemeine Untersuchung gewesen sein.

Jeder zweite Arzt geht in Rente

Doch diese Besuche von Ärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Schulen könnten schon bald Seltenheitswert haben. Es werde zu massiven Engpässen kommen, warnte unlängst der Berufsverband der Kinder- und #Jugendärzte (BVKJ). Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen sei in Gefahr, wenn pensionierte Amtsärzte keine Nachfolger mehr finden würden. Jeder zweite Arzt im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) geht im kommenden Jahrzehnt in Rente. Gleichzeitig machen junge Ärztinnen und Ärzte #einen großen Bogen um den schlecht bezahlten Öffentlichen Dienst.

Quelle: http://www.ksta.de/28441448

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